Sokhan Chroeng

Sokhan Chroeng

Ich heiße Sokhan Chroeng, ich bin 27 Jahre alt und wurde nach meinem Großvater benannt. Der Name bedeutet “Süßer Nachtisch”. Ich bin in einem Dorf in ländlicher Umgebung in der Kandal Provinz aufgewachsen, so wie viele Kambodschaner.

Meine ersten Erinnerungen habe ich an meine Großmutter. Sie war sehr nett und süß. Sie nahm mich immer auf Spaziergänge mit, zeigte mir alle möglichen Dinge und fütterte mich – die ganze Zeit gab es etwas zu essen, und Kekse.

Mein Vater war Fischer und meine Mutter kümmerte sich um das Haus und die Kinder. Ich habe keine Frau oder Kinder, aber ich hoffe, eines Tages eine zu haben. Vor mir hat bei uns in der Familie niemand in der Bekleidungsindustrie gearbeitet. Mein allererster Job war der Verkauf von Soja Sauce.

Ich zog vor acht oder neun Jahren in eine andere Provinz und als ich dann zurückkam, war das Leben hier viel einfacher. Es ist immer noch ländlich aber viele Dinge haben sich verändert. Erst gab es nur eine Fabrik. Heute gibt es mehr Häuser, mehr Gebäude, mehr Straßen und viel mehr Menschen. Ich nehme an, die Menschen haben auch mehr Geld. Wobei das meiste Geld dann wohl vom Verkauf von Land stammt. Kaum jemand besitzt hier noch Land, die Unternehmen haben alles aufgekauft. Man kann sagen, dass hier jetzt eigentlich jeder in der Fabrik arbeitet.

Ich habe von der Fußball-Weltmeisterschaft gehört. Früher habe ich als Kind Fußball gespielt, aber jetzt habe ich keine Zeit mehr dafür und auch keine Mannschaft, mit der ich spielen könnte. Ich werde die WM-Spiele nicht schauen, denn ich kenne kein einziges der Teams und ich habe auch keinen Fernseher. Der Coffee Shop hier hat einen Fernseher, aber da laufen nur Filme. An meinem freien Tag, sonntags, bin ich mit meinen Geschwistern zusammen. Wir haben nur den einen Tag, um uns zu sehen und wir sind gerne zum Entspannen zusammen zu Hause.

Sechs Tage die Woche stehe ich um 5.30h auf, dusche, frühstücke und mache mich auf den Weg zur Arbeit um 7.00h in die Bowker Factory.

Ich arbeite bis um 16.00h, wenn wir nicht gerade eine enge Deadline vor uns haben. Aber wenn Überstunden anstehen, bin ich nicht vor 18.00h fertig. Mein Job ist das Schneiden der Stoffe für Tops und Hosen, meine Abteilung ist eine von vielen. Sobald ich mit dem Schneiden der Stoffe fertig bin, werden diese weiter zum Nähen gebracht und landen dann schließlich in der Endbearbeitung, bevor sie an die Geschäfte in Großbritannien, Europa und Amerika gehen. Die Arbeit ist sehr schwer. Ich verdiene nicht genug, um angemessen zu überleben und stehe ständig unter Druck. Auch wenn die Arbeit offiziell um 16.00h endet, machen wir oft Überstunden und obwohl die ja eigentlich optional sind, bekommst du eine ernst gemeinte Warnung, wenn du nicht kannst; und wenn du öfter als ein paar mal ablehnst, verlierst du den Job. Wenn ich krank bin, brauche ich ein Attest vom Arzt, um entschuldigt fehlen zu können und es gibt keine Garantie, dass man ein Attest bekommt. Wenn es nur für zwei Tage ausgestellt ist, dann muss man danach auf jeden Fall wieder zur Arbeit gehen, unabhängig davon, wie krank man eigentlich noch ist.

Wir haben versucht, eine Gewerkschaft zu gründen um diese Missstände zu bekämpfen, aber vier von uns haben deshalb ihren Job verloren. Meinen hab ich verloren, weil ich zu einem Streik aufgerufen habe. Wir haben gestreikt, damit uns die Regierung den Mindestlohn auf 160 US $ erhöht und obwohl 1000 Menschen sich dem Streik angeschlossen haben, wurde ich gefeuert. Wir haben hart gekämpft und sind am Ende auch wieder eingestellt worden; allerdings für neue, schwierige Arbeit. Weit von allen anderen entfernt. Wir arbeiten in der Schnittabteilung und müssen schwere Kisten mit Bügel-Ausrüstung ent- und beladen. Sie versuchen auch, unsere Arbeitszeit zu verkürzen, so dass wir am Ende nicht von unserem Verdienst leben können. Wir bekommen nicht die notwendigen Überstunden zugeteilt, die wir bräuchten, um zu überleben. Das ist die Strafe dafür, dass wir versucht haben unser Leben zu verbessern.

Zurzeit kann ich ca. 120 oder 130 US $ im Monat verdienen. Wenn ich es manchmal schaffe, viele Überstunden zu machen, komme ich vielleicht auf 170 US $. Aber mit 10 Leuten in meiner Familie brauchen wir im Haus allein für das Essen schon 500 US $. Das Leben ist teuer und ich kann praktisch nie etwas sparen. Da sind die regelmäßigen Ausgaben wie Essen, Miete, Telefon und Benzin. Aber auch Ausgaben für Feiern und Beerdigungen, die man schlecht planen kann, und die schwierig zu bezahlen sind.

Das Gute an der Arbeit sind die Leute. Alle Arbeiterinnen und Arbeiter sind freundlich und wir kümmern uns gerne umeinander. Ich arbeite am engsten mit einem Arbeiter zusammen, der Buntheon heißt. Er ist großartig. Er ist der Präsident der Gewerkschaft und hat ein sehr gutes Herz – er passt auf uns alle hier auf. Worauf ich in meinem Leben am meisten stolz bin, ist, dass ich Vizepräsident der Fabrikgewerkschaft geworden bin – das war das Beste, was ich je in meinem Leben erreicht habe und ich hoffe stark, dass es eine bessere Zukunft für uns gibt. Die größten Herausforderungen, für die es für uns zu kämpfen gilt, sind höhere Löhne und die Einschränkung von Kurzzeitverträgen, weil die für uns eine große Unsicherheit bedeuten.

Ich kann mir zwei Wege für meine Zukunft vorstellen: Wenn ich weiterhin hart in der Gewerkschaft arbeite, dann werde ich einer von den guten Leuten, die für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und für unsere Gesellschaft kämpfen. Sollte ich gezwungen werden, damit aufzuhören, befürchte ich, dass ich nur ein nutzloses Leben führen würde und das Leid einfach weiter gehen würde. Aber weil ich genau davor Angst habe, werde ich nicht aufhören. Ich möchte eine Frau und eine Familie und ich werde dafür kämpfen, dass wir in Würde leben können.

Ich möchte Adidas und seinen Zulieferern sagen, sie sollen die Arbeiterinnen und Arbeiter nicht unter Druck setzen und die Arbeitsrechte nicht unterdrücken. Wir verdienen eine gerechte Behandlung und die Einhaltung der Rechte, die bei uns im Land gelten!

Danke,

Sokhan

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Ein Kommentar zu “Sokhan Chroeng

  1. Pingback: Liebe Deutsche: Fair bleiben – fair werden! | Ein Jahr ohne Kleiderkauf + danach

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