Van Piseth

Van Piseth

Ich heiße Piseth Van. Van bedeutet “Gold” und Piseth ist der Name meines Großvaters. Wie bei den anderen Bloggern auch, ist der älteste Mensch an den ich mich erinnern kann, meine Großmutter. Sie war eine sehr freundliche Frau und hat sich sehr lieb um mich gekümmert, als ich noch ein Kind war.

Ich bin in der Kampot Provinz groß geworden und ging dort in die Schule, bis ich 17 Jahre alt war. Ich fing an zu studieren und wurde später Soldat. Dazu entschied ich mich, weil ich an Gerechtigkeit glaubte, allerdings wusste ich nichts von der eigentlichen Realität, bis ich dort anfing. Ich sah erst dann wie es wirklich lief und lernte das echte Leben eines Soldaten kennen. Ich sah wie Minen explodierten und wie Menschen ihre Gliedmaßen verloren. Ich sah die Witwen und Kinder der Männer, die verletzt oder getötet worden waren. Wir waren praktisch allein, ohne jede Unterstützung der kambodschanischen Regierung. Zwei Jahre lang war ich Soldat.

Jetzt arbeite ich mit meinem Bruder in einer Bekleidungsfabrik namens New Orient. Ich habe eine Frau und zwei Töchter. Eine Tochter ist 6 Jahre alt, die andere 3 Monate – es gibt immer viel zu tun, um sie zu versorgen. Meine Frau und ich kümmern uns viel um die Jüngste und ich genieße es, die Ältere zur Schule zu bringen und ihr zu Hause ein paar Dinge beizubringen.

Der schönste Ort, den ich je kennen gelernt habe, ist der Wald in Preah Vihear. Dort bin ich in meiner Zeit als Soldat gewesen. Es gibt dort Bäume so hoch wie Berge. Der Strand in Sihanoukville und der Angkor Wat Tempel in Siem Reap sind auch wunderschön. Aber für mich steht der Wald an erster Stelle.

Ich gucke gerne Fußball und spiele auch selber zum Spaß. Ich werde die Weltmeisterschaft schauen, allerdings nur zu Hause vor unserem Fernseher. Mir gefällt es, weil es nicht um Geld geht sondern um den Ruhm der Länder. Meine Lieblingsspieler sind die berühmten wie Ronaldo und David Beckham.

Wir leben in einer sehr städtischen Nachbarschaft, es ist sehr laut, dreckig, stinkig und staubig. Es gibt so viel Müll, der nie abgeholt wird und die ganze Zeit über haben wir Stau. Ich bin schon seit 2000 hier und der Stadtteil wächst immer mehr an. Immer mehr Fabriken. Hier arbeitet jeder in der Fabrik. Es arbeiten und leben hier ca. 300.000 Menschen. Bestimmt 90% arbeiten in der Fabrik. Die Wirtschaftszone ist riesig. Alleine in einem Teil stehen 49 Gebäude mit zwischen 400 und 1000 Arbeiterinnen und Arbeiter pro Gebäude.

Bei New Orient machen wir T-Shirts und Jacken für Adidas. Es gibt viele Abteilungen mit unterschiedlichen Arbeitsschritten wie Schneiden, Nähen, Endbearbeitung, Verpackung und Lagerung. Damit mache ich ca. 140 Euro im Monat. Um mein Einkommen aufzubessern, musste ich zusätzlich noch ein kleines Gewerbe aufziehen. Die Gewinne variieren stark, aber die laufenden Kosten sind sehr hoch. So gebe ich zum Beispiel alleine für Kommunikation im Monat ungefähr 45 Euro aus. Die Schule für meine Tochter ist auch teuer und wir müssen die Miete zusammen bekommen und genug zu essen haben. Wir Arbeiter und Arbeiterinnen haben nie genug Geld, um davon gut zu leben.

In der Fabrik habe ich viele Freunde. Die Arbeiterinnen und Arbeiter werden in Produktionslinien aufgeteilt und es ist schwierig für uns, mit allen zusammen zu sein, weil es nicht erlaubt ist, die Produktionslinien zu verlassen. Aber innerhalb unserer Reihen sind wir eng beieinander. Wir machen untereinander Witze und ich mag meine Kolleginnen und Kollegen, weil wir sehr ehrlich und direkt zueinander sind.

Früher war die Arbeit in der Fabrik New Orient wirklich schrecklich. Es war zu heiß, wir mussten zu viele Überstunden machen, das Gebäude war alt und völlig unsicher. Es gab fortwährend Arbeitsrechtsverletzungen, aber seit Adidas hier produzieren lässt, kam es zu einigen Verbesserungen. Als ich mit der Gewerkschaftsarbeit begann, wollte der Fabrikbesitzer mich bestechen und man bot mir mehrere Tausend Dollar an, aber ich lehnte ab. Manchmal kommt so etwas immer noch vor und wir müssen hart dafür kämpfen, dass die Arbeitsbedingungen den Gesetzen entsprechen. Aber jetzt kommen wir häufiger zu guten Lösungen. Allerdings nicht, was die Löhne betrifft.

Unser Leben war während der Streiks im Januar 2014 extrem anstrengend. In der Nähe unserer Fabrik wurden Arbeiter erschossen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie starben. Es war unglaublich. Ich rannte hin, um noch zu helfen und fotografierte dann. Hinter mir flogen die Kugeln. Ich kann nicht verstehen, warum die Regierung das gemacht hat. Die Arbeiter hatten nur ihre Hände, die Polizei aber hatte Gewehre und sie benutzte sie, um die Arbeiter zu töten. Warum sollte die Regierung ihre eigenen Leute töten, nur weil sie eine Anhebung der Löhne fordern?

Es sieht so aus, dass wir für die Regierung nichts bedeuten, einfach nutzlose Menschen sind. Es ist so ein großes Problem, dass ausländische Investitionen am Ende nie auch beim Volk ankommen. Viele Leute denken, ich sei verrückt, aber ich weiß, dass dieses Problem gelöst werden kann. Ich möchte Veränderung sehen, sehen, dass sich die wirtschaftliche Situation verbessert – einfach für die Menschen, die hart arbeiten, damit sie auch selbst von ihrer Arbeit profitieren. Nachfragen ist keine große Sache und das Schlimmste für die Zukunft wäre, dass die Dinge bleiben wie sie sind.

Wir beginnen Menschen zu sehen, die sich erheben. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter haben noch Angst, aber die, mit denen ich in der Gewerkschaft zusammen arbeite, haben keine Angst aufzustehen und das einzufordern, was ihnen zusteht. Auf Arbeiter und Arme haben viele immer herabgeschaut. Gerade Menschen in Machtpositionen und diejenigen mit viel Geld und die Polizei. Jetzt fangen wir an lauter zu sprechen und ich tue das mit voller Überzeugung. Einige Leute finden, ich sollte das besser nicht machen, aber viele in meiner Nähe unterstützen mich auch.

Ich würde den Menschen, die diesen blog lesen, gerne sagen, dass wir seit Adidas hier ist, einige Verbesserungen gesehen haben. Das ist gut, aber sie müssen maßgeblich dafür Sorge tragen, dass ihre Arbeitskräfte einen Lohn bekommen, von dem sie überleben können.

Zurzeit liegt der Lohn bei gerade einmal bei 100 US $ im Monat. Adidas muss Verantwortung übernehmen, wenigstens für die Arbeiterinnen und Arbeiter, die ihre Produkte herstellen. Und ich weiß, dass sie das können. Sie können den Lohn in ihrer Lieferkette erhöhen, bis auf 130, 140, 160 US $ im Monat. Sie haben diese Möglichkeit. Im Gegenzug würden die Arbeiterinnen und Arbeiter es mit ihrer Treue danken. Sie würden daran mitarbeiten, Adidas und das Unternehmen noch erfolgreicher zu machen, mit voller Kraft produktiv zu arbeiten. Ich glaube, dass Adidas die Industrie verändern kann. Sie können allen Unternehmen hier ein Beispiel sein, sogar den kleinen Firmen und Investoren. Unternehmen, Menschen und Arbeiterinnen und Arbeiter würden es nachahmen.

Danke,

Piseth

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Ein Kommentar zu “Van Piseth

  1. Pingback: Liebe Deutsche: Fair bleiben – fair werden! | Ein Jahr ohne Kleiderkauf + danach

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