Workers Rights

Wie fast alle großen Textilkonzerne verfügt Adidas kaum mehr über eigene Fabriken. Das Unternehmen hat die Produktion an mehr als 1.000 Zulieferfabriken und Lizenznehmer beinahe komplett ausgelagert. Was bedeutet das für die Arbeits- und Menschenrechte der NäherInnen, die die Sportartikel produzieren? Es bedeutet, dass der Konzern die Verantwortung für die ArbeiterInnen an Fabrikbesitzer in mehr als 60 Ländern abwälzt, in denen sich die gesetzlichen Grundlagen für den Schutz der ArbeiterInnenrechte und die Kapazitäten zu deren Kontrolle stark voneinander unterscheiden. Viele Regierungen in Asien und Lateinamerika weichen diese Gesetze jedoch auf oder richten Sonderwirtschaftszonen ein, in denen nationales Recht nicht mehr gilt. Das alles mit dem Ziel, international „konkurrenzfähig“ zu bleiben und transnationale Unternehmen nicht zu verschrecken. Auch wenn letztendlich die Fabrikbesitzer grundlegende internationales Arbeitsrecht (zum Beispiel der Kernkonventionen der IAO) verletzen und sich die Regierungen nicht für das Wohl der NäherInnen einsetzen, ist der Druck durch Konzerne auf beide Akteursgruppen die strukturelle Ursache der Ausbeutung. Daran ändern auch oberflächliche CSR-Normen nichts, die eher PR-Zwecken als dem Wohl der Menschen dienen. In Wirklichkeit haben sich die Produktionsbedingungen in den Zulieferern in vielen Ländern in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Erst kürzlich hat die Gewerkschaftlerin Estela Ramírez aus El Salvador der Christlichen Initiative Romero berichtet, dass die großen Zulieferfabriken, die direkt Aufträge von Adidas erhalten, die Produktion teilweise an sog. „geheime Werkstätten“ vergeben. Diese versichern die NäherInnen nicht und führen auch nichts an Rentenkassen ab. (In unserer aktuellen Werkmappe „Fit for fair?“ könnt ihr das gesamte Interview lesen) Im Januar 2014 machte auch die staatliche Repression gegen demonstrierende ArbeiterInnen in Kambodscha Schlagzeilen. Das gemeinsame gewaltsame Vorgehen von Zulieferern und den staatlichen Sicherheitskräften stellt eine klare Verletzung der ILO-Kernarbeitnorm der Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit (Übereinkommen 87) dar.

Die am weitesten verbreitete Menschenrechtsverletzung ist aber immer noch die Zahlung von Hungerlöhnen. Adidas hält sich zwar an die nationalen Mindestlöhne, jedoch reichen diese für die ArbeiterInnen nicht annähernd aus, um ein Leben in Würde zu führen. Lange Zeit argumentierten die Textilriesen, es sei nicht möglich, einen länderübergreifenden existenzsichernden Lohn zu berechnen. Mittlerweile gibt es aber verschiedene Konzepte eines fairen Lohns. Für den asiatischen Raum ist das Modell der Asia Floor Wage Alliance, das die Grundbedürfnisse von zwei Erwachsenen und zwei Kindern berücksichtig, am prominentesten.

Warum Adidas mehr machen muss und kann

Bisher beschränkt sich das Engagement von Adidas für die NäherInnen auf grundlegende Sozialstandards wie Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie deren Überprüfung durch stichprobenartige und teilweise unabhängige Fabrikinspektionen. Außerdem setzt der Konzern auf „Wissenstransfer“ durch Trainingsmaßnahmen, in denen das Bewusstsein der Fabrikbesitzer für sichere und menschenwürdige Arbeitsbedingungen gestärkt werden soll. Diese Maßnahmen, die im Übrigen nur einen kleinen Bruchteil der Fabriken abdecken, können aber nur greifen, wenn die strukturellen Rahmenbedingungen für die Zahlung existenzsichernder Löhne gegeben sind. Ein Unternehmen, dessen Jahresumsatz das BIP von zum Beispiel Kambodscha übersteigt, ist sicher in der Lage, den Fabrikbesitzern mehr für die Lieferungen zu bezahlen. Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive ist dies durchaus nicht abwegig, weil die Zahlung eines fairen Grundlohns dem Konzern eine Pionierstellung und somit einen wichtigen Imagegewinn einbringen würde.

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